Texte

Pia Kranz zur Arbeit “Marocche”

Marocche Pia Kranz

Katalogtexte “October – Zwischen Steubenparade und Alpine Village. Auf den Spuren deutscher Einwanderer in den USA”

October:Karalogtext:BirteHennig:deutsch

October:Katalogtext:BirteHennig:english

October:Katalogtext:GiselaParak:deutsch

October:Katalogtext:GiselaParak:english

Wurmberg

Der Wurmberg ist mit 971 Metern der höchste Berg Niedersachsens. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts trat der Tourismus an die Stelle des Bergbaus als Erwerbsgundlage. Seit ca. 20 Jahren ist ein Niedergang des Tourismus im niedersächsischen Harz zu beobachten. Dem soll mit technischer Beschneiung Einhalt geboten werden. Durch diese Maßnahmen erwartet man eine Verlängerung der Pistensaison von 50 auf 120 Tage – was viele Experten bezweifeln. Der geplante Umbau wurde mit 11 Millionen Euro veranschlagt. Mit 4,1 Kilometern hat der Wurmberg die längste lifterschlossene Skiabfahrt deutscher Mittelgebirge. 16 Hektar Wald/ca. 6000 Bäume wurden gerodet um Abfahrtspisten neu und breiter, einen riesigen Parkplatz mit 600 Boxen und einen 45.000 Kubikmeter wasserfassenden Bergsee zu bauen. Der See auf dem Gipfel soll die 135 Schneelanzen für die Beschneiung versogen. Auch ein 4er Sessellift ist entstanden. Klimaexperten meinen, dass die Kunstschneeanlage maximal 10 Jahre laufen kann, dann habe sich das Harzklima so erwärmt, dass eine Beschneiung unmöglich ist. Um beschneien zu können müssen Temperaturen von -3 Grad herrschen. Die für Mitte Dezember 2013 geplante Eröffnungsfeier musste bis auf weiters verschoben werden, da es auf dem Wurmberg viel zu warm war. Ende Januar wurde die Piste in Betrieb genommen.

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Wurmberg

The Wurmberg is the highest mountain of Lower Saxony in Germany. For 20 years there have been decreasing numbers of tourists. The strategy to respond to this is to install snowmakers and build new ski slopes. Approximately 6,000 trees have been cleared. On the top of the mountain a big mountain lake, which should supply the snowy cannons with water, has been created.

Climate experts foresee that this snowy arrangement can last for a maximum of 10 years, because of climate change it will become too warm for such an arrangement. To be able to use the snow machines you need a temperature of minus 3 degrees Celsius.

The big opening in December 2013 was cancelled, because it was much too hot.

Last year I went several times to the Wurmberg, to see the great nature and what is going on there.

 

Birte Hennig, 2014

Übersetzung von Willson Cummer

 

 

Maik Schlüter zur Arbeit “Baumholder”:

Was ist amerikanische Kultur? Ein Land, das 300 Millionen Einwohner zählt, lässt sich nicht mit wenigen Worten oder Bildern beschreiben. Birte Hennig findet die USA in Deutschland. In Baumholder. 13.000 Angehörige der US Army kultivieren dort ihren eigenen Heimatbegriff: American Surfaces auf der Folie von deutscher Bodenständigkeit. Obwohl ihre Kultur mannigfaltig ist, verweist ist die semiotische Infrastruktur vor Ort vornehmlich auf Table Dance, Diners und Bars. Die Fotografien von Hennig zeigen Baumholder als einen Ort hybrider Klischees. Das Licht wirkt amerikanisch, allein es fehlt die Weite.

© Maik Schlüter, 2013, Autor und Kurator

 

Anna Bauer zur Arbeit “Flughafen”:

Ausstellung vom 13.06.2013-04.07.2013

Kunstverein Jahnstrasse Braunschweig

 

Die Fotografin Birte Hennig interessiert sich für Umbrüche. Sie dokumentiert Wohn-, Stadt- und Landschaftsräume, die sich in einem Zwischenstadium befinden. Mit einem sensiblen Blick fängt sie gerade noch das ein, was bald verschwunden sein wird, und gibt uns eine Ahnung von dem, was wir dort bald vorzufinden erwarten können.

Ihre Aufnahmen vom Braunschweiger Flughafengelände, die sie in den Galerieräumen des Kunstverein Jahnstraße zeigt, sind mehr als die Dokumentation des vor zwei Jahren vollzogenen landschaftlichen Umbaus. Sie sind Zeugen einer Geländebegehung und lassen uns zusammen mit der Künstlerin einen Ort, den es so nun nicht mehr gibt, nachträglich erkunden, erforschen, kennenlernen.

Als sie 2010 aus der Zeitung von dem Ausbau und den Protesten dagegen erfuhr, beschloss sie den Ort zu besuchen und ihn in dieser Phase des Wandels zu fotografieren. Die entstandenen Bilder begreift sie als Zeitdokumente, die eine genuin temporäre Landschaft festhalten. Zu sehen ist eine Baustelle – ein Ort, der uns immer ein Vor, Während und Nach zur gleichen Zeit sichtbar werden lässt. Scheinen die gefällten Bäume die Zerstörung auf dramatische Weise zu illustrieren und die gekappten Baumstämme als regelrechte Mahnmale nach oben zu ragen, wirken die weiten Ebenen des aufgerissenen brachen Bodens dagegen trostlos und öde. Erstaunlicherweise findet Birte Hennig in dieser rohen Umgebung auch poetische Momente, wie das am weiten, wolkenverhangenen Himmel so verloren wirkende Flugzeug oder die Wasserlache, die wie ein verträumter Weiher daherkommt. Friedlich, still und unbewegt schwimmen die herabgefallenen Blätter in ihr. Im nahen Bildausschnitt ist der Kontext der Aufnahme nicht erkennbar. Ob es sich um einen Rest des noch intakten Waldbodens handelt, der bald eingeebnet sein wird, oder um eine Pfütze, die gerade erst durch die schweren Baufahrzeuge entstanden ist, können wir weder sehen, noch erahnen.

Die Serie “Flughafen” ist das Porträt eines spezifischen Ortes, dessen unterschiedliche Facetten Birte Hennig in ihrer Vielfalt darstellt. Man begegnet der Rohheit seiner Baustellen, der Weite seiner Fläche und den zarten Fragmenten seiner im Verschwinden begriffenen Natur.

Durch die verschiedenen Blickwinkel lässt die Gesamtheit der Fotografien keine eindeutige Wertung der Baumaßnahmen erkennen. Jedoch ist Hennigs fotografischer Blick ebenso wenig rein dokumentarisch oder neutral. Es ist ein subjektiver Blick, der die Ästhetik im Unscheinbaren erkennt. Folgen wir ihm, lässt er uns Inne halten und in den einzelnen Bildern, sowie in deren Zusammenhang und Wechselspiel kleine erzählerische Momente finden. Hierdurch kann der Erkundungsstreifzug der Künstlerin nachempfunden und miterlebt werden.

Wir entdecken Eigenschaften eines Ortes im Umbruch, auf die wir sonst womöglich nicht aufmerksam geworden wären, wenn der Prozess durch das Ereignis – den Anlass und die Ursachen der Veränderung – übersehen wird.

Anna Bauer, 2013, HBK Braunschweig

 

 

Textur und Kontext

Geschlossen, abgesperrt, geräumt, vergessen, verlassen oder nicht benutzt sind die Orte und Räume, die Birte Hennig fotografiert. Sie zeigt Orte des Übergangs, die einem Wechsel unterworfen sind, deren Aussehen, Struktur oder Funktion neu definiert wird. Zeit bringt Veränderung. Diese Veränderung kann schleichend, still, fast unmerklich verlaufen und sich durch kaum sichtbare Spuren bemerkbar machen. Rinnsale, die sich am Waschbeton einer Fassade bilden und dort ihren Verlauf markieren, Abdrücke im Gras oder leere Räume, in denen eine Jacke, ein Kabel oder eine Leiter auf die abwesenden Akteure verweisen. Es sind existenzielle Spuren, die sich zwischen den großen Aktionen, Taten und Proklamationen des Lebens bilden. Auch wenn Menschen in diesen Bildern nicht sichtbar sind, hat sich ihre Existenz unbewusst und unbemerkt in die Textur der Räume eingeschrieben.

Menschen handeln auch entschlossen, effizient und zielgerichtet. Unbeeindruckt und berechnend werden Natur und Tierwelt verdrängt, strukturiert und betoniert. Abgesägte Baumwipfel, Zäune, Container, Brachflächen und trübe Wasserlöcher künden von der brachialen Aneignung eines Territoriums. Die Bilder von Birte Hennig sind nicht vordergründig appellativ oder anklagend. Präzise und poetisch zugleich werden Eingriffe und Veränderungen dokumentiert. Die Fotografien zeigen immer zwei Seiten. Die Handlung und die daraus resultierenden Konsequenzen, aber auch die Beschaffenheit eines Materials, die Stimmung einer Situation oder das nicht unmittelbar Sichtbare. Die Fotografin entzieht sich damit der rein beschreibenden Rhetorik von dokumentarischer Fotografie. Abbild und Interpretation, Objekt und Subjekt werden in ihrer untrennbaren Verkoppelung mitgedacht und zum Ausgangspunkt der Bilder. Was wir in der Arbeit von Birte Hennig sehen, können wir zwar zuordnen, müssen aber dennoch über dessen Funktion und Ort spekulieren. Die Fotografin ordnet ihre Bilder entlang einer Erzählung, die häufig dem privaten Umfeld und Interesse entspringt. Das Private und Subjektive ist immer Teil eines größeren Kontextes. Wir alle sind Teil einer Gesellschaft und unterwerfen uns deren Regeln und Prämissen. Die Arbeiten von Hennig zeigen, dass Orte und Räume, Zeit und Verlauf, Struktur und Funktion relativ sind und der Kontext unseres Lebens größer ist als festgelegte Abläufe und Definitionen.

© Maik Schlüter, 2012

 

Moment in change – photography as central medium

Rooms and spaces captured in the process of transition, fallow and open spaces before being converted into building projects, empty quarters in between lodgers – sensing presence where nobody is.

Between yesterday and tomorrow – the past still present with the future yet to come.
Freeze this moment of change; catch this instant before it is gone forever.

Questions about dissolution, disappearance and preservation arise by capturing everyday life and trivial objects. Though being surrounded by them they rarely attract our attention.

Reduced and straightforward photography.

Birte Hennig, 2010