Texte

Pia Kranz zur Arbeit „Marocche“

Marocche Menschliches Blickfeld trifft auf Steinfeld. 25 Fotografien im Format 50x50cm geben Einblick in diese einzigartige Steinwüste, genannt Marocche di Dro. Die Marocche di Dro ist eine Sturzhalde, nördlich des Gardasees, im unteren Sarca-Tal gelegen und aus mehreren Bergstürzen zwischen dem 3. und 1. Jahrtausend v.Chr. hervorgegangen. Die dort lagernden Gesteinsblöcke bieten den Anblick einer beeindruckenden Naturlandschaft. In diese Kargheit und deren erstaunliche Vielfalt dringt die Fotokünstlerin Birte Hennig mit ihrer Kamera ein und erschließt dem Betrachter den Mikrokosmos des Naturschutzgebietes.

Jede der Arbeiten zeigt das Detail eines fotografierten Ausschnitts. Es wurde vielfach gedreht, gewendet und verworfen, bis die gewünschte Oberfläche erschien. Für den Betrachter eröffnen sich nun vielfältige Momente des Schauens. So erfahren wir das unwirtliche Biotop als eine eigene Welt mit verschütteten Räumen und tiefen Schatten, entdecken feine Risse und tiefe Kerben, treffen auf die groben, gekörnten Seiten der Steine, sowie deren glatten Flächen, die gleißendes Sonnenlicht spiegeln. Der Blick schweift über sanfte Mulden hinweg, dringt in Höhlen vor, die manchmal zarte Spuren einer Vegetation beherbergen und erlebt eine überraschende Vielfalt von Erd- und Grautönen, die die Gesteinsbrocken durchziehen. Das Gestein erscheint hier als ein unerwartet sensibler, vielschichtiger Mikrokosmos. Seine Grenzen findet er im quadratischen Format und durch den Rahmen. Wie eine Sammlung von Planquadraten hängt das Tableau an der Wand und lässt vielleicht kurz die Hoffnung aufkeimen, man könne die gezeigten Stellen irgendwo wiederfinden, aber diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Auch in der Zusammenschau aller Ausschnitte wird sich nie ein Überblick über das gesamte Gesteinsfeld ergeben. Eine Orientierung im topographischen Raum der Marocche di Dro ist bewusst ausgeschlossen worden. Auch der Titel wird auf Marocche verknappt. Alles bleibt Fragment. Birte Hennig zeigt in ihrer Fotoarbeit eine abstrakte Idee von Natur, Zeit und Raum am konkreten Spiel von Licht und Schatten auf dem Gestein, der Marocche.

Gestein erlebte der Mensch von jeher meist als unüberwindliches Hindernis, schroff und abweisend. Nur die Natur selbst konnte Felsgestein mit Wind und Wasser über Jahrhunderte hinweg formen. Diese Standhaftigkeit gegenüber Veränderungen ließ den Stein für die Menschen zu einem Symbol für Ewigkeit und Unzerstörbarkeit
werden. Die Felsstürze der Natur belegen hingegen das Gegenteil. Die Bruchkanten bleiben über Jahrtausende hinweg sichtbarer Beleg für das zerstörerische Naturereignis, offenbaren die Fragilität des Gesteins und entlarven die Mythen der Menschen als reine Illusion.

In Hennigs Fotoarbeiten kommt dem Betrachter das Gestein in seiner wahrhaftigen Natur entgegen. Licht und Schatten zeigen das Gestein als anfällige, vielfältige und vielgestaltige Formation mit Brüchen, das von unerwarteten Ereignissen nachhaltig gezeichnet wurde und damit auch zu einem Sinnbild für die menschliche Existenz wird und nicht mehr zur Überhöhung taugt. Dennoch, der Felsrutsch ist zum Stillstand gekommen, der Stein wird wieder Hindernis, hat Bestand und nur Wind und Wasser können seine Form verändern. Licht und Schatten werden nun zu den sichtbaren Akteuren der Zeit, die Veränderungen für das menschliche Augen sichtbar machen. Sie gehen über den Stein und verändern seinen Anblick für den Moment. „Schatten sind Räume auf Zeit“, so fasste es Henri Cartier-Bresson einmal zusammen. Und nur die Fotografie vermag den Moment vor dem Vergehen bewahren.

Birte Hennig macht die Gesteinsbrocken als wandelbare und tiefgründige Träger von Zeit erfahrbar. Ihre Schönheit, die Verletzungen und Verwerfungen wurden als Serie von aneinandergereihten, in sich abgeschlossenen Momenten sichtbar gemacht: Gnadenlos hell von der Sonne ausgeleuchtet oder geheimnisvoll verschattet. Sie ergeben keine abgeschlossene Erzählung, sondern bleiben – wie die menschliche Erinnerung an die Vergangenheit – Fragment. In der Betrachtung des Gesteins der Marocche wird der Mensch als Teil der Natur erfahrbar.

Pia Kranz, 2016

 

 

»Lauben«

Eine Gartenkolonie.

Menschen haben

Spuren hinterlassen.

Pflanzen.

Die Bagger

werden Kommen.

 

Birte Hennig, 2016

 

 

 

Lisa Grolig zur Arbeit „Lauben“

Katalogtext Ausstellung „Stille“ Schloss Salder

TATORT

Die Luft steht und riecht nach Blumen und Staub. Hell fällt der Tag durch die Gardine und teilt sich auf dem grauen Linoleum in geometrische Formen aus Licht und Schatten. Draußen hört sie die Vögel. Amseln vor allem. Und in einiger Entfernung den Zaunkönig drüben in der Hecke bei Hoffmanns. Es ist Sonntag. Ihre Augen wandern über die Wände des Zimmers, sie blinzelt und streckt sich. Ihr Mann neben ihr schläft noch. Sie guckt auf die Uhr. Kurz nach halb sieben. Eigentlich wollte sie ausschlafen aber jetzt kann sie nicht mehr liegen, steht auf, stellt die Kaffeemaschine an und deckt den Frühstückstisch. Leise öffnet sie die Tür und geht nach draußen, barfuß im Nachthemd durch das noch feuchte Gras. Sie atmet tief ein und aus, guckt mit zusammen gekniffenen Augen gegen die Sonne in den Himmel. Dann sieht sie sich in ihrem Garten um, wirft einige Blicke zu den Nachbarn herüber, schaut abwartend zur Straße, hört von irgendwo her eine Säge. Der Kaffee. Sie geht zurück ins Haus, ihr Mann hat sich nochmal umgedreht, sie stellt die Warmhaltefunktion an und setzt sich mit einer Tasse Kaffee und der Zeitung an den Tisch. Langsam und ruhig wandern ihre Augen über die Seiten bis sie endlich die Werbeprospekte im Innenteil erreicht. Sie holt sich Stift und Zettel und schreibt eine Einkaufsliste für die kommende Woche. Der Boden knarrt, verschlafen steht ihr Mann im Bademantel vor ihr und nimmt ein Schluck aus ihrer Tasse.

Während er in kurzer Hose und Schirmmütze den Rasen mäht, hat sie sich ins Rosenbeet zurückgezogen. Unkraut zupfen findet sie entspannend und den Anblick eines aufgeräumten Beets, in dem sich das dunkle Braun der nassen Erde von den grünen Pflanzenteilen klar abgrenzt, höchst befriedigend. Er mäht inzwischen vorsichtig aber selbstbewusst um die Obstbäume herum. Nicht allerdings ohne um jeden Stamm einen kleinen Rasenkreis stehen zu lassen. Das findet er befriedigend. Sein ganzer Stolz sind die fünf Kirschbäume. Er war so erleichtert als der Verein seinem Antrag zugestimmt hat. Eigentlich sind nämlich nicht mehr als drei Bäume einer Art erwünscht. Dieses Jahr können sie das erste mal ernten. Ein paar rote sind schon dran. Unter ihren Fingernägeln sammelt sich die Erde. Sie wäscht sich die Hände in der Regentonne und füllt die Gießkanne auf. Es sieht etwas nach Gewitter aus. Sie beschließt dennoch die Gemüsebeete zu wässern. Wenigstens ein bisschen. Danach zupft sie Salat und Radieschen. Sie guckt auf die Uhr. Kurz nach halb drei. Eigentlich wollte sie noch ein wenig in den Beeten bleiben aber jetzt merkt sie ihre Knie, sie geht ins Haus, stellt die Kaffeemaschine an, nimmt den Kuchen aus dem Kühlschrank und deckt den Kaffeetisch. Sie versichert sich kurz, dass sie alleine ist und pult dann einige Streusel aus der Kuchendecke, wischt sich die Hände an der Hose ab und geht nach draußen. Verschwitzt manövriert ihr Mann den Mäher um die Kirschen. Er sieht sie, stellt den Motor aus, geht mit ihr ins Haus und nimmt sich im Vorbeigehen einige Streusel aus der Kuchendecke.

Sie hat den Salat fürs Abendessen fast fertig. Ihr Mann guckt Sportschau und macht nebenbei Kreuzworträtsel. Sonntags essen sie immer auf dem Klappsofa vor dem Fernseher. Sie guckt auf die Uhr. Kurz nach halb acht. Eigentlich wollte sie nochmal raus, sich dem Unkraut in den Ritzen zwischen den Gehwegplatten widmen aber dann wird es zu spät mit Abendbrot, sie nimmt Butter und saure Gurken aus dem Kühlschrank und stellt Geschirr auf das Tablett. Nach sieben Minuten klingelt die Eieruhr. Er nimmt ihr das Tablett ab, sie schneidet Brot auf und gießt beiden ein Bier ein. Es ist genau acht und beide sitzen gemütlich auf dem Sofa. Ihr fallen die Petunien ein, die sie nicht abgedeckt hat. Wenn es später gewittert und regnet, kann sie die Blüten vergessen. Um zehn nach acht sitzt sie wieder gemütlich auf dem Sofa, neben ihr zwei Blumenkästen.

Um kurz vor zehn schalten sie den Fernseher aus, schließen die Tür hinter sich zu und gehen nach Hause.

Lisa Grolig, 2017

 

 

Katalogtexte „October – Zwischen Steubenparade und Alpine Village. Auf den Spuren deutscher Einwanderer in den USA“

October:Karalogtext:BirteHennig:deutsch

October:Katalogtext:BirteHennig:english

October:Katalogtext:GiselaParak:deutsch

October:Katalogtext:GiselaParak:english

 

Wurmberg

Der Wurmberg ist mit 971 Metern der höchste Berg Niedersachsens. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts trat der Tourismus an die Stelle des Bergbaus als Erwerbsgundlage. Seit ca. 20 Jahren ist ein Niedergang des Tourismus im niedersächsischen Harz zu beobachten. Dem soll mit technischer Beschneiung Einhalt geboten werden. Durch diese Maßnahmen erwartet man eine Verlängerung der Pistensaison von 50 auf 120 Tage – was viele Experten bezweifeln. Der geplante Umbau wurde mit 11 Millionen Euro veranschlagt. Mit 4,1 Kilometern hat der Wurmberg die längste lifterschlossene Skiabfahrt deutscher Mittelgebirge. 16 Hektar Wald/ca. 6000 Bäume wurden gerodet um Abfahrtspisten neu und breiter, einen riesigen Parkplatz mit 600 Boxen und einen 45.000 Kubikmeter wasserfassenden Bergsee zu bauen. Der See auf dem Gipfel soll die 135 Schneelanzen für die Beschneiung versogen. Auch ein 4er Sessellift ist entstanden. Klimaexperten meinen, dass die Kunstschneeanlage maximal 10 Jahre laufen kann, dann habe sich das Harzklima so erwärmt, dass eine Beschneiung unmöglich ist. Um beschneien zu können müssen Temperaturen von -3 Grad herrschen. Die für Mitte Dezember 2013 geplante Eröffnungsfeier musste bis auf weiters verschoben werden, da es auf dem Wurmberg viel zu warm war. Ende Januar wurde die Piste in Betrieb genommen.

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Wurmberg

The Wurmberg is the highest mountain of Lower Saxony in Germany. For 20 years there have been decreasing numbers of tourists. The strategy to respond to this is to install snowmakers and build new ski slopes. Approximately 6,000 trees have been cleared. On the top of the mountain a big mountain lake, which should supply the snowy cannons with water, has been created.

Climate experts foresee that this snowy arrangement can last for a maximum of 10 years, because of climate change it will become too warm for such an arrangement. To be able to use the snow machines you need a temperature of minus 3 degrees Celsius.

The big opening in December 2013 was cancelled, because it was much too hot.

Last year I went several times to the Wurmberg, to see the great nature and what is going on there.

 

Birte Hennig, 2014

Übersetzung von Willson Cummer

 

 

Maik Schlüter zur Arbeit „Baumholder“:

Was ist amerikanische Kultur? Ein Land, das 300 Millionen Einwohner zählt, lässt sich nicht mit wenigen Worten oder Bildern beschreiben. Birte Hennig findet die USA in Deutschland. In Baumholder. 13.000 Angehörige der US Army kultivieren dort ihren eigenen Heimatbegriff: American Surfaces auf der Folie von deutscher Bodenständigkeit. Obwohl ihre Kultur mannigfaltig ist, verweist ist die semiotische Infrastruktur vor Ort vornehmlich auf Table Dance, Diners und Bars. Die Fotografien von Hennig zeigen Baumholder als einen Ort hybrider Klischees. Das Licht wirkt amerikanisch, allein es fehlt die Weite.

© Maik Schlüter, 2013, Autor und Kurator

 

Anna Bauer zur Arbeit „Flughafen“:

Ausstellung vom 13.06.2013-04.07.2013

Kunstverein Jahnstrasse Braunschweig

 

Die Fotografin Birte Hennig interessiert sich für Umbrüche. Sie dokumentiert Wohn-, Stadt- und Landschaftsräume, die sich in einem Zwischenstadium befinden. Mit einem sensiblen Blick fängt sie gerade noch das ein, was bald verschwunden sein wird, und gibt uns eine Ahnung von dem, was wir dort bald vorzufinden erwarten können.

Ihre Aufnahmen vom Braunschweiger Flughafengelände, die sie in den Galerieräumen des Kunstverein Jahnstraße zeigt, sind mehr als die Dokumentation des vor zwei Jahren vollzogenen landschaftlichen Umbaus. Sie sind Zeugen einer Geländebegehung und lassen uns zusammen mit der Künstlerin einen Ort, den es so nun nicht mehr gibt, nachträglich erkunden, erforschen, kennenlernen.

Als sie 2010 aus der Zeitung von dem Ausbau und den Protesten dagegen erfuhr, beschloss sie den Ort zu besuchen und ihn in dieser Phase des Wandels zu fotografieren. Die entstandenen Bilder begreift sie als Zeitdokumente, die eine genuin temporäre Landschaft festhalten. Zu sehen ist eine Baustelle – ein Ort, der uns immer ein Vor, Während und Nach zur gleichen Zeit sichtbar werden lässt. Scheinen die gefällten Bäume die Zerstörung auf dramatische Weise zu illustrieren und die gekappten Baumstämme als regelrechte Mahnmale nach oben zu ragen, wirken die weiten Ebenen des aufgerissenen brachen Bodens dagegen trostlos und öde. Erstaunlicherweise findet Birte Hennig in dieser rohen Umgebung auch poetische Momente, wie das am weiten, wolkenverhangenen Himmel so verloren wirkende Flugzeug oder die Wasserlache, die wie ein verträumter Weiher daherkommt. Friedlich, still und unbewegt schwimmen die herabgefallenen Blätter in ihr. Im nahen Bildausschnitt ist der Kontext der Aufnahme nicht erkennbar. Ob es sich um einen Rest des noch intakten Waldbodens handelt, der bald eingeebnet sein wird, oder um eine Pfütze, die gerade erst durch die schweren Baufahrzeuge entstanden ist, können wir weder sehen, noch erahnen.

Die Serie „Flughafen“ ist das Porträt eines spezifischen Ortes, dessen unterschiedliche Facetten Birte Hennig in ihrer Vielfalt darstellt. Man begegnet der Rohheit seiner Baustellen, der Weite seiner Fläche und den zarten Fragmenten seiner im Verschwinden begriffenen Natur.

Durch die verschiedenen Blickwinkel lässt die Gesamtheit der Fotografien keine eindeutige Wertung der Baumaßnahmen erkennen. Jedoch ist Hennigs fotografischer Blick ebenso wenig rein dokumentarisch oder neutral. Es ist ein subjektiver Blick, der die Ästhetik im Unscheinbaren erkennt. Folgen wir ihm, lässt er uns Inne halten und in den einzelnen Bildern, sowie in deren Zusammenhang und Wechselspiel kleine erzählerische Momente finden. Hierdurch kann der Erkundungsstreifzug der Künstlerin nachempfunden und miterlebt werden.

Wir entdecken Eigenschaften eines Ortes im Umbruch, auf die wir sonst womöglich nicht aufmerksam geworden wären, wenn der Prozess durch das Ereignis – den Anlass und die Ursachen der Veränderung – übersehen wird.

Anna Bauer, 2013, HBK Braunschweig

 

 

Textur und Kontext

Geschlossen, abgesperrt, geräumt, vergessen, verlassen oder nicht benutzt sind die Orte und Räume, die Birte Hennig fotografiert. Sie zeigt Orte des Übergangs, die einem Wechsel unterworfen sind, deren Aussehen, Struktur oder Funktion neu definiert wird. Zeit bringt Veränderung. Diese Veränderung kann schleichend, still, fast unmerklich verlaufen und sich durch kaum sichtbare Spuren bemerkbar machen. Rinnsale, die sich am Waschbeton einer Fassade bilden und dort ihren Verlauf markieren, Abdrücke im Gras oder leere Räume, in denen eine Jacke, ein Kabel oder eine Leiter auf die abwesenden Akteure verweisen. Es sind existenzielle Spuren, die sich zwischen den großen Aktionen, Taten und Proklamationen des Lebens bilden. Auch wenn Menschen in diesen Bildern nicht sichtbar sind, hat sich ihre Existenz unbewusst und unbemerkt in die Textur der Räume eingeschrieben.

Menschen handeln auch entschlossen, effizient und zielgerichtet. Unbeeindruckt und berechnend werden Natur und Tierwelt verdrängt, strukturiert und betoniert. Abgesägte Baumwipfel, Zäune, Container, Brachflächen und trübe Wasserlöcher künden von der brachialen Aneignung eines Territoriums. Die Bilder von Birte Hennig sind nicht vordergründig appellativ oder anklagend. Präzise und poetisch zugleich werden Eingriffe und Veränderungen dokumentiert. Die Fotografien zeigen immer zwei Seiten. Die Handlung und die daraus resultierenden Konsequenzen, aber auch die Beschaffenheit eines Materials, die Stimmung einer Situation oder das nicht unmittelbar Sichtbare. Die Fotografin entzieht sich damit der rein beschreibenden Rhetorik von dokumentarischer Fotografie. Abbild und Interpretation, Objekt und Subjekt werden in ihrer untrennbaren Verkoppelung mitgedacht und zum Ausgangspunkt der Bilder. Was wir in der Arbeit von Birte Hennig sehen, können wir zwar zuordnen, müssen aber dennoch über dessen Funktion und Ort spekulieren. Die Fotografin ordnet ihre Bilder entlang einer Erzählung, die häufig dem privaten Umfeld und Interesse entspringt. Das Private und Subjektive ist immer Teil eines größeren Kontextes. Wir alle sind Teil einer Gesellschaft und unterwerfen uns deren Regeln und Prämissen. Die Arbeiten von Hennig zeigen, dass Orte und Räume, Zeit und Verlauf, Struktur und Funktion relativ sind und der Kontext unseres Lebens größer ist als festgelegte Abläufe und Definitionen.

© Maik Schlüter, 2012

 

Moment in change – photography as central medium

Rooms and spaces captured in the process of transition, fallow and open spaces before being converted into building projects, empty quarters in between lodgers – sensing presence where nobody is.

Between yesterday and tomorrow – the past still present with the future yet to come.
Freeze this moment of change; catch this instant before it is gone forever.

Questions about dissolution, disappearance and preservation arise by capturing everyday life and trivial objects. Though being surrounded by them they rarely attract our attention.

Reduced and straightforward photography.

Birte Hennig, 2010